
(c) Jorge Raul Oso, 2026.
Liebe in Zeiten des Zorns und der Unbestimmheit
Die Gegenwart ist von Spannungen durchzogen, die sich nicht mehr klar voneinander trennen lassen: politische Konflikte, technologische Umbrüche, epistemische Unsicherheiten und eine tiefgreifende Transformation sozialer Wirklichkeiten. In diesem Gefüge erscheint der Mensch zugleich als Akteur und als Getriebener – als Wesen, das nach Orientierung sucht, während sich die Bedingungen dieser Orientierung fortwährend verschieben. Inmitten dieser Dynamik stellt sich die Frage nach der Liebe neu: nicht als bloßes Gefühl, sondern als existenzielle und gesellschaftliche Praxis. Liebe wird damit zu einer Antwort auf Zorn und Unbestimmtheit – und zugleich zu deren Prüfstein.
So also die Gegenwart als eine Zeit der Fragilität. Demokratischer Zusammenhalt, so wird betont, ist kein gegebener Zustand, sondern ein fortwährender Prozess, der auf Anerkennung, Gerechtigkeit und aktiver Teilhabe beruht. Diese Perspektive verschiebt den Fokus von abstrakten Systemen hin zum Menschen selbst: zu seiner Fähigkeit, sich zu regulieren, zuzuhören und Verantwortung zu übernehmen. In einer Welt, die von Beschleunigung und medialer Überformung geprägt ist, wird diese Fähigkeit jedoch zunehmend herausgefordert. Wahrnehmung wird fragmentiert, Wahrheit relativiert, Identität fluide.
Hier knüpfen poststrukturalistische Überlegungen an, wie sie in den beigefügten Texten anklingen: Sprache und Bilder sind nicht neutrale Träger von Bedeutung, sondern produktive Kräfte, die Wirklichkeit erst hervorbringen. Was als „wahr“ gilt, ist Ergebnis diskursiver Aushandlungsprozesse, in denen Macht eine zentrale Rolle spielt. Die Fotografie etwa, traditionell als objektives Medium verstanden, entpuppt sich als selektiver Akt – als Entscheidung darüber, was sichtbar wird und was unsichtbar bleibt. In der digitalen Gegenwart verschärft sich diese Dynamik: Bilder zirkulieren, überlagern sich und erzeugen eine Realität, die weniger erinnert als inszeniert wird.
Diese epistemische Unsicherheit wirkt sich unmittelbar auf das menschliche Selbstverständnis aus. Wenn Wahrheit instabil wird und Identität nicht mehr als kohärent gedacht werden kann, entsteht ein Zustand der Unbestimmtheit. Gleichzeitig wächst der Zorn – als Reaktion auf Kontrollverlust, als Ausdruck von Angst und als politisch mobilisierbare Energie. Die 2020er Jahre, so der historische Vergleich, tragen Züge einer Zwischenzeit, ähnlich den 1920er Jahren: eine Epoche zwischen Hoffnung und Abgrund, zwischen technologischem Fortschritt und existenzieller Verunsicherung.
Um die gegenwärtige Lage angemessen zu verstehen, ist jedoch ein längerer Blick notwendig – ein Blick auf die Entwicklung der Gattung Mensch selbst. Der Mensch als Jäger und Sammler war über den größten Teil seiner evolutionären Geschichte in relativ kleinen, mobilen Gruppen organisiert. Diese Lebensform war geprägt von unmittelbarer Abhängigkeit von natürlichen Kreisläufen, von Kooperation und von einer vergleichsweise egalitären sozialen Struktur. Besitz war begrenzt, Akkumulation kaum möglich, und das Überleben hing wesentlich von geteilter Verantwortung und gegenseitiger Fürsorge ab. Gewalt existierte, doch sie war meist eingebettet in enge soziale Kontrollmechanismen und gefährdete nicht systematisch die Lebensgrundlagen ganzer Ökosysteme.
Mit der Sesshaftwerdung und der Entstehung agrarischer Gesellschaften begann eine Entwicklung, die nicht nur ökonomisch, sondern auch symbolisch eine neue Ordnung etablierte: Natur wurde zum Objekt, Land zum Besitz, Arbeit zur Pflicht. Die industrielle Moderne radikalisierte diese Tendenzen. Der Mensch trat nicht mehr nur in Distanz zur Natur, sondern stellte sich ihr gegenüber – als planender, kontrollierender und ausbeutender Akteur. Diese Haltung wurde durch wissenschaftlich-technischen Fortschritt verstärkt, der einerseits enorme Verbesserungen der Lebensbedingungen ermöglichte, andererseits jedoch eine Logik der Steigerung hervorbrachte, die kaum noch begrenzbar erscheint.
Die Transformation zur Lohnarbeit markiert dabei einen entscheidenden Bruch im Verhältnis des Menschen zu sich selbst. Arbeit ist nicht länger integraler Bestandteil des Lebensvollzugs, sondern wird externalisiert, quantifiziert und bewertet. Zeit wird zur Ware, Existenz zur Kalkulation. In dieser Ordnung entsteht eine subtile, aber tiefgreifende Entfremdung: Der Mensch verliert den unmittelbaren Bezug zu den Ergebnissen seines Handelns und zu den Bedingungen seines eigenen Lebens. Gleichzeitig verstärkt sich die Hierarchisierung sozialer Verhältnisse. Diejenigen, die weniger über Ressourcen verfügen, werden leichter austauschbar, ihre Würde wird prekär.
Diese Entwicklung geht einher mit einer systematischen Verschiebung dessen, was unter „Daseinsfürsorge“ verstanden wird. Ursprünglich zielte sie auf die Sicherung des Notwendigen – heute ist sie zunehmend eingebettet in ein System der Überproduktion und des Überkonsums. Die Sicherstellung von Versorgung wird zur Legitimation einer Wirtschaftsweise, die weit über das Notwendige hinausgeht. Ressourcen werden nicht nur genutzt, sondern erschöpft; Bedürfnisse werden nicht nur erfüllt, sondern permanent neu erzeugt.
Hier offenbart sich ein fundamentales Ungleichgewicht: Während der Mensch seine technischen Fähigkeiten exponentiell erweitert hat, ist seine ethische und soziale Einbettung in diese Prozesse nicht im gleichen Maße gewachsen. Die Folge ist eine Form der Maßlosigkeit, die sich sowohl im individuellen Verhalten als auch in globalen Strukturen manifestiert. Der verschwenderische Umgang mit Energie, Rohstoffen und Lebensmitteln steht in scharfem Kontrast zu den realen Grenzen des Planeten.
Die Zerstörung von Lebensräumen ist dabei nicht nur ein ökologisches Problem, sondern Ausdruck eines gestörten Verhältnisses zur Welt insgesamt. Wälder, die über Jahrtausende gewachsen sind, werden in wenigen Jahrzehnten vernichtet; Tierarten verschwinden, bevor sie überhaupt wissenschaftlich erfasst sind; Böden verlieren ihre Fruchtbarkeit, Gewässer ihre Reinheit. Diese Prozesse betreffen nicht nur „die Natur“ im abstrakten Sinne, sondern auch den Menschen selbst – insbesondere jene, die ohnehin in prekären Verhältnissen leben. Umweltzerstörung und soziale Ungleichheit verstärken sich gegenseitig.
In dieser Perspektive erscheint der Zorn der Gegenwart auch als Symptom einer tieferliegenden Krise: einer Krise der Beziehung. Der Mensch hat nicht nur die Verbindung zur Natur geschwächt, sondern auch die zu sich selbst und zu anderen. Die Logik der Verwertung durchdringt zunehmend alle Lebensbereiche und reduziert Beziehungen auf Nutzen, Effizienz und Austauschbarkeit.
Gerade hier gewinnt die Frage nach der Liebe ihre existenzielle Schärfe. Liebe ist unter diesen Bedingungen kein sentimentales Gegenbild, sondern ein Akt des Widerstands. Sie widerspricht der Reduktion des Menschen auf seine Funktion ebenso wie der Reduktion der Natur auf ihre Verwertbarkeit. Liebe bedeutet, dem Anderen – sei es ein Mensch, ein Tier oder ein Ökosystem – einen Eigenwert zuzuerkennen, der sich nicht in ökonomischen Kategorien erfassen lässt.
Diese Perspektive findet eine anthropologische Vertiefung in Die Wahrheit über Eva. Die dort entwickelte These, dass Kooperation und Fürsorge zentrale Triebkräfte der menschlichen Evolution darstellen, steht im deutlichen Kontrast zu den dominanten Narrativen von Konkurrenz und Dominanz. Wenn der Mensch in seinem Kern ein relationales Wesen ist, dann bedeutet die gegenwärtige Krise auch eine Entfremdung von seinen eigenen evolutionären Grundlagen.
Liebe kann in diesem Sinne als Wiederaneignung dieser Grundlagen verstanden werden – nicht als Rückkehr zu einer idealisierten Vergangenheit, sondern als bewusste Entscheidung für eine andere Form des Zusammenlebens. Sie verlangt, die bestehenden Verhältnisse kritisch zu reflektieren und neue Formen der Beziehung zu entwickeln: zwischen Menschen, zwischen Gesellschaft und Individuum, zwischen Mensch und Natur.
Zugleich verweist die historische Entwicklung darauf, dass Liebe nicht ohne materielle Bedingungen gedacht werden kann. Eine Welt, die auf Ausbeutung basiert, erschwert die Praxis der Fürsorge. Wer permanent um das eigene Überleben kämpfen muss, hat weniger Ressourcen für Empathie und Solidarität. Umgekehrt schafft eine gerechtere Verteilung von Ressourcen die Voraussetzung für eine Kultur der Aufmerksamkeit und des Respekts.
Zugleich verweist die Betonung von Selbstregulation in den Texten auf eine innere Dimension der Liebe. Wer sich selbst reflektieren kann, ist eher in der Lage, auch andere zu akzeptieren. Die Fähigkeit, Unsicherheit auszuhalten, Fehler zuzulassen und Ambivalenz zu ertragen, wird zur Voraussetzung für eine offene Gesellschaft. Liebe beginnt hier nicht beim Anderen, sondern im Umgang mit sich selbst: als Haltung der Achtsamkeit, der Geduld und der Verantwortlichkeit.
Doch diese individuelle Dimension bleibt unzureichend, solange sie nicht in kollektive Praxis überführt wird. Die Herausforderung besteht darin, Formen des Wirtschaftens, Produzierens und Lebens zu entwickeln, die nicht auf permanenter Steigerung beruhen, sondern auf Balance. Eine solche Transformation erfordert nicht nur technologische Innovation, sondern vor allem eine kulturelle Neubestimmung dessen, was als gutes Leben gilt.
In einer Zeit, in der Wirklichkeit zunehmend als konstruiert erscheint, könnte man versucht sein, auch die Liebe als bloßes Narrativ zu betrachten. Doch gerade hier liegt ihre besondere Bedeutung: Sie entzieht sich der vollständigen Instrumentalisierung. Liebe ist nicht beliebig formbar, sondern an konkrete Erfahrungen von Nähe, Vertrauen und Verletzlichkeit gebunden. Sie verweist auf eine Dimension des Menschlichen, die sich nicht vollständig in Diskursen auflösen lässt.
So lässt sich abschließend sagen: Liebe in Zeiten des Zorns und der Unbestimmheit ist weder Flucht noch Illusion. Sie ist eine anspruchsvolle Praxis, die sowohl individuelle als auch gesellschaftliche Transformation erfordert. Sie verlangt, sich der Unsicherheit zu stellen, ohne in Zynismus zu verfallen; den Konflikt anzuerkennen, ohne ihn zu absolutisieren; und den Anderen zu sehen, ohne ihn festzuschreiben. In einer Welt, die ihre eigenen Lebensgrundlagen gefährdet, wird Liebe schließlich zu einer Frage des Überlebens – nicht als sentimentale Idee, sondern als radikale Form der Fürsorge für alles Lebendige.
Lesen: Carel van Schaik, Kai Michel: Die Wahrheit über Eva. Die Erfindung der Ungleichheit von Frauen und Männern. Rowohlt Verlag, 704 Seiten.
Berlin, Februar 2026
Jorge Raul Oso
Die verwendeten Begriffe sind nicht geschlechtsspezifisch.
