
(c) Jorge Raul Oso, 2026
Diabetespädagogik und das bunte Grau der Grundschule –
Süßigkeiten in Regenbogenfarben als stille Begleiter des Alltags
Es gibt dieses eigentümliche Grau, das man nur aus Grundschulen kennt. Kein düsteres Grau, kein trostloses, sondern ein funktionales: Linoleumboden, leicht speckig vom täglichen Wischen, Heizkörper, die im Winter klopfen wie nervöse Begleitmusik, und Wände, an denen sich das pädagogisch gewollte Buntsein in Form von Bastelarbeiten, Jahreszeitenkalendern und schief ausgeschnittenen Regenbögen entfaltet.
Und mittendrin: Kinder. Und in ihren Ranzen: kleine, farbenfrohe Universen aus Zucker.
1. Das Pausenbrot und seine heimlichen Nachbarn
Das klassische Pausenbrot – Käse, Wurst oder Marmelade – ist in der schulischen Selbstbeschreibung noch immer die Hauptfigur. In der Realität jedoch hat es längst Konkurrenz bekommen. Zwischen Brotdose und Federmäppchen verstecken sich Gummibärchen, Kaubonbons, Fruchtstreifen, Schokoriegel in Miniaturformat. Sie rascheln leise, fast diskret, als wüssten sie um ihre ambivalente Stellung.
Die moderne Diabetespädagogik steht vor einem interessanten Dilemma: Sie soll aufklären, ohne zu moralisieren. Sie soll sensibilisieren, ohne Angst zu erzeugen. Und sie bewegt sich in einem Umfeld, das von genau diesen kleinen, bunten Verführungen durchzogen ist.
Das „bunte Grau“ der Grundschule ist also nicht nur architektonisch gemeint – es ist auch ein metaphorischer Raum zwischen Ordnung und Verlockung, zwischen Struktur und spontaner Süße.
2. Ein Blick zurück: Süßigkeiten der 1970er Jahre
Wer in den 1970er Jahren in der Bundesrepublik Deutschland zur Schule ging, kann sich meist an ein überschaubares Süßwarenangebot erinnern. Gummibärchen gab es, ja – aber sie waren weniger zahlreich, weniger spektakulär. Schokolade war oft in Tafelform präsent, Kaubonbons kamen einzeln gewickelt daher und hatten Namen, die heute fast museal wirken.
Die Farbpalette war begrenzter. Rot, Gelb, vielleicht Grün. Blau? Selten. Neonfarben? Unvorstellbar. Die Zutatenlisten waren kürzer, auch wenn das nicht zwingend bedeutete, dass sie gesünder waren – aber sie wirkten weniger inszeniert.
In der DDR wiederum war die Situation noch einmal anders. Das Angebot war eingeschränkter, die Verfügbarkeit schwankte. Süßigkeiten hatten einen anderen Stellenwert: Sie waren weniger selbstverständlich, manchmal sogar etwas Besonderes. Ein Stück Schokolade konnte eine kleine Sensation sein, kein alltäglicher Begleiter.
Und genau darin liegt ein erster, leiser Unterschied: Die Beziehung zum Süßen war stärker an den Moment gebunden, weniger an permanente Verfügbarkeit.
3. Die 1980er und 1990er: Expansion der Farben
Mit den 1980er Jahren begann eine Phase, in der Süßigkeiten zunehmend visuell aufregender wurden. Verpackungen wurden bunter, Figuren hielten Einzug, Marken entwickelten Charaktere. Süßwaren wurden zu kleinen Geschichten.
Nach der Vereinigung Deutschlands trafen zwei Süßwarenkulturen aufeinander.
Für viele Kinder in den „neuen Bundesländern“ war die plötzlich verfügbare Vielfalt beinahe überwältigend. Regale, die zuvor eher funktional bestückt waren, verwandelten sich in farbige Landschaften.
Regenbogenfarben wurden nun tatsächlich zum Standard.
Gummibänder, die wie kleine Farbskalen wirkten. Kaubonbons in gestreiften Mustern. Zucker wurde nicht mehr nur geschmeckt – er wurde gesehen.
Im schulischen Alltag bedeutete das: mehr Auswahl, mehr Tauschhandel auf dem Pausenhof, mehr kleine Verhandlungen über „ein Stück gegen zwei“.
4. Die Gegenwart: Dauerverfügbarkeit und pädagogische Balance
Heute sind Süßigkeiten allgegenwärtig. Sie sind nicht nur im Supermarkt verfügbar, sondern auch in Tankstellen, Kiosken, Automaten. Ihre Verpackungen sprechen eine klare Sprache: Spaß, Energie, Belohnung.
Für Grundschulkinder sind sie oft mehr als nur Nahrung. Sie sind soziale Währung, Trostspender, kleine Rituale. Ein Gummibärchen kann Freundschaft bedeuten, ein geteiltes Bonbon Zugehörigkeit.
5. Das „augenzwinkernde“ Moment
Man kann die Situation auch mit einem gewissen Augenzwinkern betrachten. Denn die Ernsthaftigkeit, mit der Kinder ihre Süßigkeiten verwalten, ist bemerkenswert. Da wird gezählt, getauscht, aufgeteilt – fast wie in kleinen ökonomischen Systemen.
Ein Regenbogen-Fruchtstreifen wird nicht einfach gegessen. Er wird auseinandergezogen, Farbe für Farbe, fast analytisch. Vielleicht ist das bereits eine Form von impliziter Bildung: eine sensorische Auseinandersetzung mit Vielfalt.
Und gleichzeitig sitzt irgendwo im Hintergrund die leise Stimme der Pädagogik:
„Vielleicht nicht jeden Tag.“
6. Die stille Kritik
Es wäre zu einfach – und wohl auch zu laut –, den Zuckerkonsum pauschal zu verurteilen. Kinder bewegen sich in einem System, das Süßes aktiv bewirbt.
Sie sind nicht die Architekten dieser Welt.
Die Kritik muss daher leise bleiben. Sie richtet sich weniger an das einzelne Kind als an die Struktur: an Marketingstrategien, an Produktdesign, an die schleichende Normalisierung von ständigem Konsum.
Dass ein Kind jeden Tag etwas Süßes dabeihat, wird kaum noch hinterfragt.
Es ist Teil des Alltags geworden, so selbstverständlich wie das Federmäppchen.
Vielleicht liegt genau hier der Ansatzpunkt: nicht im Verbot, sondern im gelegentlichen Innehalten.
7. Diabetespädagogik als Begleitung
Diabetespädagogik von und durch die Lehrkräfte kommt dann ab und an dazu.
Sei es belohnend oder/und motivierend intendiert. Sie bleibt berechtigt!
8.Aufklärung über „den Zucker“
Diese versteht sich zunehmend als Begleitung statt als Belehrung. Sie arbeitet mit Geschichten, mit Bildern, mit nachvollziehbaren Beispielen.
Ein Kind versteht vielleicht nicht sofort die biochemischen Prozesse hinter Insulin und Glukose. Aber es versteht, dass der Körper Energie braucht – und dass zu viel davon manchmal auch anstrengend sein kann.
In der Grundschule kann das bedeuten:
- Gemeinsames Betrachten von Lebensmitteln
- Gespräche über Hunger und Sättigung
- Kleine Experimente („Wie lange hält ein Apfel satt im Vergleich zu einem Bonbon?“)
Es sind keine großen Interventionen, sondern kleine Impulse im Alltag.
8. Das bunte Grau als Lernraum
Am Ende bleibt dieses Bild: das bunte Grau der Grundschule.
Es ist ein Raum, in dem Gegensätze koexistieren:
- Ordnung und Chaos
- Struktur und Spontaneität
- Brot und Bonbon
Und vielleicht ist genau diese Mischung produktiv. Denn sie erlaubt es, über Dinge zu sprechen, ohne sie zu dramatisieren.
Ein Kind, das lernt, bewusst mit Süßigkeiten umzugehen, nimmt mehr mit als nur Ernährungswissen. Es lernt Selbstregulation, Achtsamkeit, vielleicht sogar ein kleines Stück Autonomie.
9. Ein leiser Ausblick
Wenn man die Entwicklung von den 1970er Jahren bis heute betrachtet, dann sieht man weniger eine lineare Verschlechterung als vielmehr eine zunehmende Komplexität.
Süßigkeiten sind bunter geworden, vielfältiger, allgegenwärtiger.
Gleichzeitig ist auch das Wissen gewachsen, die Sensibilität, die pädagogische Reflexion.
Vielleicht geht es gar nicht darum, das „früher“ zu idealisieren. Auch damals wurde genascht, vielleicht nur weniger sichtbar.
Die eigentliche Frage ist:
Wie gelingt es, in einer Welt voller Regenbogenfarben ein gesundes Grau zu bewahren?
Ein Grau, das nicht langweilig ist, sondern ausgleichend.
Ein Grau, in dem Platz ist für ein Stück Schokolade – aber eben nicht für zehn.
Und vielleicht sitzt dann irgendwo in einem Klassenzimmer ein Kind, zieht einen bunten Fruchtstreifen auseinander, schaut kurz nachdenklich – und legt die Hälfte zurück in die Dose.
Nicht aus Verzicht.
Sondern aus einem leisen Verständnis heraus.
Berlin, Februar 2026
Jorge Raul Oso
Die verwendeten Begriffe sind nicht geschlechtsspezifisch.
