Gleis 14a

„Mit den Füßen im Wunschbrunnen“

Der Wunschbrunnen steht irgendwo zwischen Beton und Glas. Vielleicht in einer Seitenstraße, vielleicht nur als Metapher im Kopf jener, die durch die Straßen der Großstadt treiben wie lose Blätter im Wind. Der Liedtext[1], der hier als gedankliche Inspiration dient, wirkt zunächst leicht, fast beschwingt, doch unter seiner Oberfläche liegt eine Schwere, die sich erst entfaltet, wenn man ihn in den Kontext urbaner Existenz stellt. Die Großstadt ist kein Ort, sie ist ein Zustand. Und in diesem Zustand begegnen sich Liebe und Verlust, Hoffnung und Gleichgültigkeit in einer Weise, die leise, aber unerbittlich ist.

„Take off your hat, kick off your shoes“ – ein Moment des Ankommens, des Ablegens von Rollen. Doch in der Großstadt gibt es kein wirkliches Ankommen. Jeder Ort ist nur Übergang. Menschen ziehen durch Cafés, durch U-Bahnen, durch Beziehungen.
Sie verweilen, aber sie bleiben nicht. Die Liebe, die hier entsteht, ist oft flüchtig, improvisiert, geboren aus einem Blickkontakt im Gedränge oder einem zufälligen Gespräch an der Bar. Und doch trägt sie eine enorme Intensität in sich, gerade weil sie so vergänglich ist.

Die verpassten Chancen sind das eigentliche Grundrauschen dieser Welt. Man sieht jemanden jeden Morgen im selben Zug, über Wochen hinweg. Ein stilles Einverständnis entsteht, ein flüchtiges Lächeln, vielleicht ein kurzer Blick, der zu lange dauert, um bedeutungslos zu sein. Doch niemand sagt etwas. Die Stadt ist laut, aber sie verschluckt Worte, bevor sie ausgesprochen werden. Und irgendwann steigt einer von beiden nicht mehr ein. Vielleicht ist er umgezogen, vielleicht hat er seinen Rhythmus geändert. Vielleicht ist er einfach verschwunden.
Zurück bleibt eine Leerstelle, die nie wirklich gefüllt war, aber dennoch schmerzt.

Das Lied spricht davon, dass jemand „für immer Lebewohl sagt“. Diese permanente Bewegung ist typisch für die urbane Existenz. Beziehungen beginnen oft mit einer unausgesprochenen Endlichkeit. Man weiß, dass der andere vielleicht nur vorübergehend hier ist – für ein Studium, einen Job, eine Phase. Und so bleibt man vorsichtig. Man investiert sich nicht ganz. Oder man tut es doch – und bezahlt später den Preis.

Gleichgültigkeit ist dabei kein Mangel an Gefühl, sondern oft ein Schutzmechanismus. Wer in der Großstadt lebt, ist ständig von Menschen umgeben und gleichzeitig zutiefst allein. Man lernt, nicht hinzusehen. Nicht zu fragen. Nicht zu fühlen, was man fühlen könnte. Denn wenn man jeden Schmerz, jede Einsamkeit, jede stille Verzweiflung wahrnehmen würde, wäre das kaum auszuhalten. Also entwickelt man eine Art emotionale Distanz, die sich wie eine zweite Haut anfühlt.

Doch diese Distanz hat ihren Preis. Sie verhindert nicht nur Schmerz, sondern auch Nähe. Die Liebe wird vorsichtig, fragmentarisch. Man trifft sich, man verbringt Zeit miteinander, aber man bleibt auf Abstand. Man erzählt Geschichten, aber nicht die ganze Wahrheit. „You’ve always got something to hide“ – dieser Satz trifft den Kern. Jeder trägt etwas in sich, das er nicht zeigt. Verletzungen aus der Vergangenheit, Ängste, Unsicherheiten. Dazu tritt, in einer Welt, in der alles schnell geht und wenig Bestand hat, es oft einfacher erscheint, diese Dinge verborgen zu halten.

Trauer in der Großstadt ist oft unsichtbar. Sie zeigt sich nicht in großen Gesten, sondern in kleinen Momenten: in dem Blick auf das Handy, das keine neue Nachricht zeigt. In dem Zögern, eine Nachricht zu schreiben, weil man nicht zu aufdringlich wirken will. In dem Gefühl, ersetzbar zu sein. Denn in der Stadt gibt es immer jemand anderen. Jemand interessanteren, schöneren, aufregenderen. Diese ständige Vergleichbarkeit führt zu einer subtilen, aber tiefgreifenden Unsicherheit.

Depressionen wachsen in diesem Umfeld leise. Sie sind nicht immer dramatisch. Oft sind sie einfach ein grauer Schleier über allem. Ein Gefühl von Sinnlosigkeit, das sich einschleicht. Man geht aus, trifft Leute, lacht vielleicht sogar – und fühlt sich trotzdem leer. Die Stadt bietet unzählige Möglichkeiten, aber genau das kann lähmend wirken. Wenn alles möglich ist, wird jede Entscheidung schwer. Und jede nicht getroffene Entscheidung wird zu einer verpassten Chance.

„And the only time that you’re satisfied is with your feet in the wishing well“ – der Wunschbrunnen wird zum Symbol für eine Sehnsucht, die nie ganz erfüllt wird. Man wünscht sich Liebe, Verbindung, Bedeutung. Doch gleichzeitig hat man Angst davor. Angst, sich zu verlieren. Angst, verletzt zu werden. Also bleibt man in einem Zustand des Wartens, des Hoffens, ohne wirklich zu handeln.

Einsamkeit ist vielleicht das prägendste Gefühl der Großstadt. Sie ist nicht die Abwesenheit von Menschen, sondern die Abwesenheit von echter Verbindung. Man kann von Hunderten umgeben sein und sich dennoch vollkommen isoliert fühlen. Diese Einsamkeit führt oft zu Selbsttäuschung. Man redet sich ein, dass man zufrieden ist, dass man die Freiheit genießt, unabhängig zu sein. Und ein Teil davon ist auch wahr. Aber ein anderer Teil weiß, dass etwas fehlt.

Enttäuschung entsteht, wenn Erwartungen auf Realität treffen. Wenn aus einem vielversprechenden Anfang nichts wird. Wenn Nachrichten unbeantwortet bleiben. Wenn jemand plötzlich distanziert wird, ohne Erklärung. Diese kleinen Brüche summieren sich. Sie hinterlassen Spuren, die man mit sich trägt, auch in neue Begegnungen hinein. Und so wird es immer schwerer, sich wirklich einzulassen.

Die Großstadt ist ein Ort der Extreme. Sie kann berauschend sein, voller Energie und Möglichkeiten. Aber sie kann auch kalt sein, anonym, gleichgültig. Die Liebe, die hier entsteht, ist oft ein Spiegel dieser Ambivalenz. Sie ist intensiv, aber instabil. Sie kann einen für einen Moment alles vergessen lassen – und im nächsten Moment umso tiefer fallen lassen.

Und doch gibt es immer diesen Wunsch. „Love in a peaceful world“ – eine einfache, fast naive Sehnsucht. Nach Ruhe, nach Beständigkeit, nach einer Verbindung, die nicht ständig bedroht ist von äußeren Umständen oder inneren Zweifeln. Dieser Wunsch ist es, der Menschen weitermachen lässt. Der sie wieder und wieder versuchen lässt, sich zu öffnen, trotz aller Enttäuschungen.

Vielleicht ist das die eigentliche Tragik – und zugleich die Hoffnung. Dass Menschen, trotz allem, nicht aufhören zu wünschen. Dass sie weiterhin glauben, dass es möglich ist, jemanden zu finden, bei dem sie bleiben können. Jemanden, bei dem sie nicht ständig das Gefühl haben, sich beweisen zu müssen. Jemanden, bei dem sie ihre Schuhe ausziehen können, ohne Angst zu haben, dass sie gleich wieder gehen müssen.

Die Großstadt wird sich nicht ändern. Sie wird weiterhin laut sein, schnell, unbeständig. Aber inmitten dieses Chaos gibt es immer wieder Momente, in denen etwas Echtes entsteht. Ein Gespräch, das tiefer geht als erwartet. Ein Blick, der länger hält. Eine Berührung, die mehr bedeutet.

Und vielleicht ist das genug. Vielleicht besteht die Liebe in der Großstadt nicht darin, etwas Dauerhaftes zu finden, sondern darin, diese Momente zu erkennen und zuzulassen. Trotz der Angst. Trotz der Unsicherheit. Trotz der Möglichkeit, wieder enttäuscht zu werden.

Denn am Ende bleibt immer dieser Wunsch. Und vielleicht ist es genau dieser Wunsch, der uns menschlich macht.

Berlin, an jedem Tag

Jorge Raul Oso

Die verwendeten Begriffe sind nicht geschlechtsspezifisch.


[1] Inspiriert vom Liedtext „Wishing well“ von FREE (1973)