
(c) Jorge Raul Oso, 2026.
Vom Menschen im Schatten des Krieges
Eine philosophische Spiegelung der 1920er und 2020er Jahre –
ein Blick auf die Fragilität des demokratischen Zusammenhalts
Es gibt historische Momente, in denen die Welt nicht einfach fortschreitet, sondern kippt. Die 1920er Jahre gehören dazu – und die 2020er Jahre offenbar ebenfalls. Beide Epochen sind weniger durch Stabilität als durch ein eigentümliches Schweben gekennzeichnet: zwischen Euphorie und Abgrund, zwischen Beschleunigung und Kontrollverlust, zwischen der Hoffnung auf eine neue Ordnung und der Ahnung ihres Scheiterns. Doch während die 1920er aus dem Schock des Ersten Weltkriegs hervorgehen, stehen die 2020er nicht am Ende eines Konflikts, sondern mitten in einer Vielzahl gleichzeitig verlaufender Krisen und Kriege, die das Weltverhältnis selbst verändern.
Der Erste Weltkrieg hatte die Gewissheiten der Moderne erschüttert: Fortschritt, Vernunft und Humanität erschienen plötzlich fragwürdig. In dieser Situation entwickelte sich eine eigentümliche Doppelbewegung. Einerseits entstand ein rauschhafter Modernismus, geprägt von Technik, Großstadt und kultureller Avantgarde. Andererseits breitete sich eine tiefe existenzielle Verunsicherung aus. Der Mensch schien sich selbst fremd geworden zu sein. In der Philosophie artikulierte sich dies etwa bei Martin Heidegger, der das menschliche Dasein als „geworfen“ beschrieb – ohne festen Grund, ausgesetzt einer Welt, die sich nicht mehr selbstverständlich erschließt. Die 1920er waren daher keine Epoche der Ruhe, sondern eine Zwischenzeit, in der sich bereits die Spannungen sammelten, die später in neue Katastrophen münden sollten.
Die 2020er Jahre weisen eine strukturell ähnliche, aber in ihrer Intensität gesteigerte Konstellation auf. Die COVID-19-Pandemie hat das Vertrauen in Stabilität und Planbarkeit erschüttert, doch sie ist nur ein Teil eines umfassenderen Krisengefüges. Gleichzeitig prägen der Krieg in der Ukraine, die Spannungen und militärischen Auseinandersetzungen zwischen Israel und dem Libanon, dem Iran in der Ukraine sowie zahlreiche weitere regionale Konflikte eine Gegenwart, in der Krieg nicht mehr als Ausnahme erscheint, sondern als dauerhafte Möglichkeit. Anders als in den 1920ern gibt es kein klares „Danach“. Vielmehr entsteht der Eindruck eines permanenten Übergangs, eines Zustands, in dem sich Krisen überlagern und gegenseitig verstärken.
Diese Gleichzeitigkeit verändert die Stellung des Krieges. In den 1920ern war er ein traumatisches Ereignis der Vergangenheit und eine drohende Zukunft. In den 2020ern wird er zu einer strukturellen Bedingung der Gegenwart. Konflikte greifen ineinander, verschieben Machtverhältnisse, binden Ressourcen und destabilisieren politische Ordnungen weit über ihre geografischen Ursprünge hinaus. Krieg wird diffus, systemisch und allgegenwärtig – nicht nur als militärische Realität, sondern als Hintergrundrauschen globaler Unsicherheit.
Mit dieser Transformation geht eine Veränderung der Technik einher, die das Menschenbild tiefgreifend verschiebt. Die 1920er Jahre waren geprägt von der Maschine. Industrialisierung und Fließbandarbeit machten den Menschen zum funktionalen Teil eines mechanischen Systems. Diese Entwicklung wurde von Denkern wie Walter Benjamin reflektiert, der die technischen Bedingungen moderner Wahrnehmung analysierte. Der Mensch erschien hier als standardisiert, austauschbar, rationalisiert.
Die 2020er Jahre hingegen sind durch eine andere Form der Technik bestimmt: den Code. Der Mensch ist nicht mehr primär ein Rädchen in der Maschine, sondern ein Datenpunkt in einem Netzwerk. Diese Verschiebung zeigt sich auch in der Kriegsführung selbst – in Drohnen, algorithmischer Zielerfassung und digitalen Informationsräumen. Entscheidungen werden vorbereitet, gelenkt oder ersetzt durch Systeme, deren Logik oft intransparent bleibt. Damit verschiebt sich die philosophische Frage: Nicht mehr nur, wie der Mensch in technischen Systemen funktioniert, sondern wie seine Autonomie unter Bedingungen algorithmischer Steuerung überhaupt noch gedacht werden kann.
Parallel dazu verändert sich die Struktur der Wahrnehmung. Während in den 1920ern neue Massenmedien eine gemeinsame Öffentlichkeit schufen, ist die Gegenwart durch fragmentierte, personalisierte Informationsräume geprägt. Der Krieg ist nicht mehr nur ein physisches Geschehen, sondern auch ein medialer Prozess. Die Grenze zwischen Realität und Darstellung verschwimmt.
Wahrheit wird situativ, Perspektive wird zur Funktion von Plattformen.
Diese Entwicklungen wirken unmittelbar auf das Selbstverständnis des Menschen zurück. In den 1920ern begann der Zerfall traditioneller Identitäten, später zugespitzt bei Jean-Paul Sartre in der Idee, dass der Mensch sich selbst entwerfen muss. In den 2020ern wird diese Freiheit radikalisiert und zugleich belastend. Identität ist nicht nur wählbar, sondern permanent ausgestellt, bewertet und verändert. Das Selbst wird zum Projekt – und zur Überforderung.
Hinzu kommt ein verändertes Zeitgefühl. Die Beschleunigung, die in den 1920ern begann, ist heute zum Grundzustand geworden. Kommunikation, politische Entscheidungen und gesellschaftliche Entwicklungen vollziehen sich in Echtzeit. Der Soziologe Hartmut Rosa beschreibt diese Dynamik als eine Form struktureller Beschleunigung, die Stabilität nur noch durch permanente Veränderung ermöglicht. In Verbindung mit globalen Konflikten entsteht daraus ein Gefühl permanenter Dringlichkeit.
Gerade in dieser Situation tritt eine Frage in den Vordergrund, die beide Epochen verbindet und zugleich trennt: die Frage nach dem demokratischen Zusammenhalt. Denn demokratischer Zusammenhalt entsteht nicht von selbst. Er ist keine Folklore, kein beruhigendes Schlagwort und erst recht kein politischer Besitzstand, auf den man sich zurückziehen könnte. Er muss Tag für Tag neu erarbeitet, geschützt und verteidigt werden – durch Institutionen, durch politische Kultur, vor allem aber durch Menschen, die bereit sind, einander in ihrer Würde wahrzunehmen.
Die Parallele zu den 1920er Jahren wird hier besonders deutlich. Die Weimarer Republik scheiterte nicht allein an äußeren Umständen, sondern auch daran, dass es ihr nicht gelang, einen stabilen demokratischen Zusammenhalt zu entwickeln. Unterschiedlichkeit wurde nicht produktiv verarbeitet, sondern politisch instrumentalisiert. Ausgrenzung ersetzte Integration, Misstrauen ersetzte Solidarität. Die Geschichte zeigt mit grausamer Klarheit, wohin es führt, wenn Nationalismus, Menschenverachtung und autoritäres Denken den politischen Raum dominieren.

Die 2020er Jahre stehen vor einer vergleichbaren Herausforderung, jedoch unter komplexeren Bedingungen. Globale Krisen, Kriege und technologische Umbrüche setzen demokratische Systeme unter Druck. Doch gerade in einer Demokratie zeigt sich der Wert des Gemeinwesens nicht daran, wie laut Einigkeit beschworen wird, sondern daran, wie mit Unterschiedlichkeit, Widerspruch und Konflikt umgegangen wird. Eine offene Gesellschaft lebt nicht von Gleichförmigkeit, sondern von der Fähigkeit, Verschiedenheit auszuhalten, ohne den Respekt voreinander zu verlieren.
Demokratischer Zusammenhalt bedeutet daher nicht, Differenzen zu verdecken, sondern sie in faire, friedliche und menschenwürdige Bahnen zu lenken. Er wächst dort, wo Menschenrechte nicht relativiert werden, wo demokratische Regeln Bestand haben und wo die Interessen anderer nicht als Störung, sondern als Teil des politischen Ganzen verstanden werden. Diese Einsicht ist nicht abstrakt, sondern historisch erkämpft – und gegenwärtig gefährdet.
Denn die Bedrohung der Demokratie entsteht nicht nur durch offen antidemokratische Kräfte. Sie entsteht auch durch soziale und ökonomische Ungleichheit, durch Entsolidarisierung und durch das schleichende Verschwinden gemeinsamer Erfahrungsräume. Wo sich Menschen dauerhaft ausgeschlossen fühlen, wo andere ihre Privilegien nicht mehr hinterfragen, wo Lebensrealitäten auseinanderdriften, bröckelt das Fundament des Gemeinsamen. Demokratie braucht nicht nur Institutionen, sondern eine soziale Wirklichkeit, in der Teilhabe erfahrbar ist und Würde mehr ist als ein abstraktes Versprechen.
Gesellschaftlicher Zusammenhalt beginnt dabei nicht im Abstrakten, sondern im Konkreten: im Zuhören, in der Sprache, im Blick auf den anderen Menschen. Er zeigt sich darin, ob wir den Menschen neben uns – unabhängig von Herkunft, Status oder Lebenssituation – überhaupt noch wahrnehmen. Eine demokratische Gesellschaft verliert sich selbst, wenn sie in Abwertungen denkt und in sozialen oder kulturellen Lagern erstarrt. Politisches Denken, das den Menschen vergisst, verliert seinen moralischen Kompass.
Gerade deshalb darf Zusammenhalt nicht als Vorwand dienen, Kritik an Ungerechtigkeit zum Schweigen zu bringen. Nicht die Benennung von Missständen spaltet eine Gesellschaft, sondern die Weigerung, sie zu erkennen. Eine reife Demokratie ist auf Selbstkritik angewiesen. Nur dort, wo Machtverhältnisse hinterfragt und Erfahrungen von Benachteiligung ernst genommen werden, kann Vertrauen entstehen.
Ein demokratischer Begriff von Zusammenhalt muss daher inklusiv sein. Er darf nicht an Herkunft, Religion oder soziale Stellung geknüpft werden, sondern muss auf der Anerkennung gleicher Würde beruhen. Die politische Gemeinschaft entsteht nicht aus Homogenität, sondern aus dem gemeinsamen Willen, Freiheit, Recht und Gerechtigkeit miteinander zu organisieren. Demokratie lebt davon, dass Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven friedlich zusammenleben und Konflikte aushandeln können.
Doch dieser Zusammenhalt darf nicht kraftlos bleiben. Er braucht Solidarität, Verantwortungsgefühl und die Bereitschaft, öffentliche Güter zu stärken: Bildung, soziale Sicherheit, faire Chancen und politische Beteiligung. Wo der Abstand zwischen Lebenswelten zu groß wird, verliert die Demokratie ihre Grundlage.
In einer Zeit, die von Krieg, Beschleunigung und Unsicherheit geprägt ist, wird diese Aufgabe noch dringlicher. Die 2020er Jahre stellen nicht nur die Frage nach dem Menschen im Code, sondern auch die Frage nach der Gesellschaft, die dieser Mensch hervorbringt. Ob diese Gesellschaft von Angst, Abgrenzung und Fragmentierung geprägt sein wird – oder von Freiheit, Würde und Zusammenhalt –, ist keine historische Notwendigkeit, sondern eine politische und moralische Entscheidung.
Vielleicht liegt hier die entscheidende Differenz zwischen den 1920ern und den 2020ern. Die damalige Epoche zeigte, wie fragil demokratischer Zusammenhalt sein kann. Die heutige Epoche weiß es bereits. Gerade darin liegt ihre Verantwortung. Denn wenn die Geschichte etwas lehrt, dann dies: Eine freie Gesellschaft braucht weder autoritäre Härte noch kulturelle Verengung, um zusammenzuhalten. Sie braucht Haltung, Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, den anderen als gleichwertigen Teil des Ganzen anzuerkennen.
So gesehen ist die philosophische Frage unserer Zeit nicht nur, was der Mensch in einer Welt des Codes ist, sondern auch, wie er in einer Welt permanenter Krisen miteinander leben will. Zwischen Krieg und Technologie, zwischen Beschleunigung und Unsicherheit entscheidet sich, ob Demokratie eine fragile Erinnerung bleibt – oder eine lebendige Praxis, die jeden Tag neu verwirklicht wird.
Berlin, April 2026
Jorge Raul Oso
Die Bezeichnungen im Text sind nicht geschlechtsspezifisch.
Weiterlesen:
Heidegger, Martin (1927): Sein und Zeit.
Benjamin, Walter (1936): Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit.
Sartre, Jean-Paul (1946): Der Existentialismus ist ein Humanismus.
Rosa, Hartmut Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne (2005) und ergänzend: Resonanz (2016)
