
(c) Jorge Raul Oso, 2026
„Zwischen Hetze und Berufung“ oder weiteres über „Arbeit und meinem unruhigem Ich“
Die zuvor entworfene Skizze („Gleis 21“) der Arbeit als Spannungsfeld zwischen Entfremdung und Berufung lässt sich weiter vertiefen, wenn man sie durch jene Begriffe beleuchtet, die den Alltag nicht nur beschreiben, sondern strukturieren: Antrieb, Getrieben-Sein, Hetze, Perfektionismus, Mobbing, Anspannung, Ansprüche, Fehlerkultur, Wahrheit, Fairness. Diese Begriffe sind keine isolierten Phänomene, sondern bilden ein dichtes Geflecht, in dem sich moderne Subjektivität überhaupt erst ausprägt.
Sie markieren jene unsichtbaren Kräfte, die den Einzelnen zugleich formen und überfordern.
Am Anfang steht der Antrieb. Er ist jene Kraft, die Arbeit überhaupt erst möglich macht – nicht nur im physischen Sinne, sondern vor allem im psychischen. Antrieb ist mehr als Motivation; er ist die innere Energie, die das Handeln trägt, oft jenseits klar formulierter Ziele. In einer idealen Konstellation verbindet sich dieser Antrieb mit dem, was gemeinhin als Berufung gelten mag. Eine Tätigkeit, die nicht bloß ausgeführt wird, sondern als sinnvoll erlebt wird. Hier ist der Antrieb nicht fremdbestimmt, sondern scheint aus dem Inneren zu kommen. Er ist leise, kontinuierlich, fast selbstverständlich.
Doch dieser Zustand ist fragil. Der gleiche Antrieb kann sich verwandeln – in ein „getrieben-Sein„. Der Unterschied ist subtil, aber entscheidend. Während der Antrieb als eigene Bewegung erfahren wird, erscheint das Getrieben-Sein als Verlust von Autonomie. Mensch handelt nicht mehr, weil man will, sondern weil man muss. Termine, Deadlines, Erwartungen, implizite Normen – all dies erzeugt einen Druck, der den ursprünglichen Antrieb überlagert. Die Bewegung bleibt äußerlich gleich – man arbeitet, organisiert, reagiert –, doch ihre Qualität verändert sich grundlegend. Aus Selbstbestimmung wird Reaktion, aus Sinn wird Funktion.
Noch eine Stufe weiter geht das „getrieben-werden“. Hier ist die Distanz zum eigenen Handeln noch größer. Der Einzelne erlebt sich nicht mehr als Ursprung seiner Tätigkeit, sondern als Objekt äußerer Kräfte. Organisationen, Hierarchien, ökonomische Zwänge, aber auch subtile soziale Mechanismen übernehmen die Steuerung. Besonders im Arbeitsalltag zeigt sich dies in Form von impliziten Erwartungen: schneller sein, effizienter, belastbarer, fehlerloser. Diese Erwartungen werden selten explizit formuliert, und gerade darin liegt ihre Macht. Sie wirken, ohne dass man sie klar benennen kann.
In diesem Kontext wird die Hetze zum zentralen Erfahrungsmodus. Sie ist nicht bloß eine Frage von Zeitmangel, sondern eine spezifische Qualität des Erlebens. Hetze bedeutet, dass die Zeit nicht mehr als offener Raum erfahren wird, sondern als knappe Ressource, die permanent zu entgleiten droht. Jeder Moment ist bereits verplant, jede Verzögerung wird als Bedrohung erlebt. Der öffentliche Nahverkehr wird so zum symbolischen Ort dieser Erfahrung: Menschen bewegen sich schnell, zielgerichtet, oft angespannt, selten präsent. Die Bewegung ist nicht Ausdruck von Freiheit, sondern von Notwendigkeit.
Die Hetze ist eng verbunden mit dem Perfektionismus. Dieser erscheint auf den ersten Blick als Tugend – als Streben nach Qualität, Genauigkeit, Exzellenz. Doch in seiner übersteigerten Form wird er zur Quelle von Anspannung. Perfektionismus bedeutet nicht mehr, etwas gut machen zu wollen, sondern die Unmöglichkeit, mit dem Ergebnis zufrieden zu sein. Jeder Fehler wird zum Makel, jede Unvollkommenheit zur Bedrohung des Selbstbildes. Der Maßstab verschiebt sich ständig nach oben, sodass Erfüllung prinzipiell unerreichbar bleibt.
Hier kommen die Ansprüche ins Spiel – sowohl die eigenen als auch die fremden. Moderne Arbeitsverhältnisse sind durch eine komplexe Überlagerung beider Formen geprägt. Fremde Ansprüche erscheinen als Anforderungen von Vorgesetzten, Kunden, Institutionen. Eigene Ansprüche hingegen wirken oft noch stärker, weil sie internalisiert sind. Man verlangt von sich selbst, was man glaubt, dass andere erwarten – und oft noch mehr. Diese Dynamik führt dazu, dass die Grenze zwischen äußerem Druck und innerem Anspruch verschwimmt. Das Subjekt wird zum Vollstrecker der eigenen Überforderung.
In einem solchen Klima kann sich leicht ein Phänomen entwickeln, das den sozialen Raum zusätzlich belastet: Mobbing. Es ist die dunkle Seite der Konkurrenz, die dort entsteht, wo Kooperation zwar notwendig, aber nicht ausreichend abgesichert ist. Mobbing ist selten ein isolierter Akt individueller Bosheit. Es entsteht oft aus strukturellem Druck, aus Unsicherheit, aus dem Bedürfnis, die eigene Position zu sichern. Der andere Mensch wird zum Gegner, nicht weil er es objektiv ist, sondern weil das System ihn dazu macht. Im Alltag äußert sich dies in subtilen Formen: Ausgrenzung, abwertende Kommentare, gezielte Informationszurückhaltung. Die offene Aggression ist dabei nur die sichtbarste Spitze eines tiefer liegenden Problems.
All diese Faktoren – Hetze, Perfektionismus, Ansprüche, Mobbing – verdichten sich zu einem Zustand permanenter Anspannung. Diese Anspannung ist nicht nur psychisch, sondern auch körperlich erfahrbar. Sie zeigt sich in Nervosität, Erschöpfung, Schlafstörungen, innerer Unruhe. Gleichzeitig wird sie oft normalisiert. Sie gilt als unvermeidlicher Bestandteil eines „funktionierenden“ Arbeitslebens. Wer nicht angespannt ist, wirkt schnell verdächtig: zu langsam, zu wenig engagiert, nicht belastbar genug.
An diesem Punkt wird die Frage nach der Fehlerkultur zentral. In einer Umgebung, die von Perfektionismus und hohen Ansprüchen geprägt ist, werden Fehler zu etwas, das vermieden, versteckt oder sanktioniert werden muss. Eine solche Kultur verstärkt die Anspannung, weil sie die Möglichkeit des Scheiterns permanent präsent hält, ohne Raum für dessen produktive Verarbeitung zu bieten. Eine konstruktive Fehlerkultur hingegen würde Fehler als Teil des Lernprozesses begreifen – nicht als Makel, sondern als notwendige Erfahrung. Doch eine solche Haltung setzt Vertrauen voraus, und genau dieses Vertrauen fehlt oft in hochkompetitiven Arbeitsumfeldern.
Die Abwesenheit einer solchen Kultur kann zu einem weiteren, tiefgreifenden Phänomen führen: dem Zerbrechen an der Wahrheit. Gemeint ist damit nicht eine abstrakte philosophische Wahrheit, sondern die konkrete Einsicht in die eigenen Grenzen, in die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Wer dauerhaft versucht, Erwartungen zu erfüllen, die strukturell unerfüllbar sind, läuft Gefahr, an dieser Diskrepanz zu zerbrechen. Die Wahrheit – dass man nicht alles leisten kann, dass Perfektion unmöglich ist, dass das System selbst widersprüchlich ist – wird dann nicht befreiend, sondern zerstörerisch erlebt.
Gleichzeitig ist diese Wahrheit ambivalent. Sie kann auch der Ausgangspunkt für eine neue Form der Selbstbeziehung sein. Wer erkennt, dass die eigenen Grenzen nicht individuelles Versagen, sondern strukturell bedingt sind, kann beginnen, sich von überhöhten Ansprüchen zu lösen. Diese Einsicht ist jedoch schwer zu erreichen, weil sie oft mit dem Verlust von Sicherheiten einhergeht. Sie stellt das bisherige Selbstbild infrage und erfordert eine Neuorientierung.
In diesem Zusammenhang gewinnt die Frage nach Fairness und Unfairness eine besondere Bedeutung. Fairness ist ein zentraler normativer Bezugspunkt moderner Gesellschaften, doch ihre konkrete Ausgestaltung ist oft unklar. Was als fair gilt, hängt von Perspektiven ab, von Erwartungen, von Kontexten. Im Arbeitsalltag zeigt sich Unfairness häufig in subtilen Ungleichheiten: ungleiche Verteilung von Aufgaben, mangelnde Anerkennung, intransparente Entscheidungen. Diese Formen sind schwer zu greifen, weil sie selten offen ausgesprochen werden.
Unfairness verstärkt das Gefühl eines Getrieben-Seins, weil sie die Wahrnehmung untergräbt, dass die Anstrengung sich lohnt. Wenn Leistung nicht angemessen anerkannt wird oder wenn Regeln inkonsistent angewendet werden, verliert das System seine Legitimität. Fairness hingegen kann entlastend wirken, weil sie Verlässlichkeit schafft. Sie bedeutet nicht Gleichheit im absoluten Sinne, sondern Nachvollziehbarkeit und Konsistenz. In einem fairen Umfeld können Ansprüche hoch sein, ohne zerstörerisch zu wirken, weil sie eingebettet sind in ein System, das ihre Erfüllung realistisch ermöglicht.
Hier schließt sich der Kreis zum Ausgangspunkt – der Erfahrung von Arbeit als Berufung. Diese Erfahrung ist nicht unabhängig von den genannten Faktoren, sondern entsteht gerade in ihrem Zusammenspiel. Ein starker innerer Antrieb kann auch unter schwierigen Bedingungen bestehen, doch er ist nicht unerschöpflich. Wenn Hetze, Perfektionismus und Unfairness überhandnehmen, wird auch die Berufung unter Druck geraten. Umgekehrt kann ein Umfeld, das durch Fairness, eine konstruktive Fehlerkultur und realistische Ansprüche geprägt ist, dazu beitragen, dass Antrieb nicht in ein getriebenes-Sein umschlägt.
Die paradoxe Gleichzeitigkeit von Dankbarkeit und Frustration, die im ursprünglichen Essay beschrieben wurde, lässt sich vor diesem Hintergrund neu verstehen. Dankbarkeit entsteht dort, wo trotz aller strukturellen Probleme ein Raum bleibt, in dem Sinn erfahrbar ist. Frustration hingegen verweist auf die Bedingungen, die diesen Raum immer wieder bedrohen. Beide Erfahrungen sind nicht gegensätzlich, sondern komplementär. Sie spiegeln die doppelte Natur der modernen Arbeit: als Ort der Selbstverwirklichung und als Feld struktureller Zwänge.
Vielleicht liegt die Herausforderung darin, diese Spannung nicht auflösen zu wollen, sondern sie bewusst zu gestalten. Das bedeutet, den eigenen Antrieb ernst zu nehmen, ohne sich von ihm treiben zu lassen; Ansprüche zu formulieren, ohne ihnen blind zu folgen; Fehler zuzulassen, ohne Gleichgültigkeit zu entwickeln; Fairness einzufordern, ohne naiv zu werden. Es bedeutet auch, die kleinen Räume der Entlastung zu erkennen – jene Momente im Alltag, in denen die Hetze kurz innehält und etwas anderes sichtbar wird: ein Gespräch, ein Blick, ein Gefühl von Verbundenheit.
In einer Welt, die zur Beschleunigung tendiert, ist dies keine triviale Aufgabe. Sie erfordert Aufmerksamkeit, Reflexion und nicht zuletzt Mut. Doch gerade in dieser bewussten Haltung könnte sich jene Form von innerem Frieden einstellen, die im Essay angedeutet wurde: kein Zustand der Abwesenheit von Konflikten, sondern die Fähigkeit, inmitten von Widersprüchen handlungsfähig zu bleiben. Arbeit wäre dann weder bloß Last noch bloß Berufung, sondern ein Feld, in dem sich die grundlegenden Fragen des menschlichen Lebens immer wieder neu stellen – und vielleicht auch beantworten lassen, zumindest für einen Moment.
Berlin, Februar 2026
Jorge Raul Oso
Die verwendeten Begriffe sind nicht geschlechtsspezifisch.
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