Zehn Männer und Laternenmasten

(c) Jorge Raul Oso, 2026.
Der Sommersonntagmorgen liegt still über Berlin, als hätte die Stadt beschlossen, sich noch einmal umzudrehen. Es ist warm, aber nicht heiß. Die Luft trägt den Geruch von Staub, Lindenblüten und dem Bier, das in der Nacht auf den Gehweg gekippt wurde.
Leichte Reste des Regens vom Vortag sind noch spürbar.
Zwischen den Häusern hängt ein Licht, das noch nichts fordert. Kein Termin, keine Nachricht, kein Streit. Nur dieser frühe Sommermorgen, an dem die Stadt für einen kurzen Augenblick so tut, als sei sie mit sich im Reinen.
Auf der Straße ist wenig los. Ein Lieferwagen steht vor dem Spätkauf in zweiter Reihe, obwohl weit und breit niemand zu sehen ist, den er behindern könnte.
Eine Frau führt einen kleinen Hund aus, der an jedem zweiten Baum stehen bleibt.
Vom Balkon gegenüber hängt eine Decke zum Lüften. Irgendwo klappert Geschirr.
Eine Straßenbahn schiebt sich durch die nächste Querstraße, beinahe leer, begleitet vom metallischen Singen ihrer Räder.
Vor einem Dönerladen stehen noch einige junge Menschen aus der vergangenen Nacht.
Sie lachen zu laut für diese Uhrzeit, aber nicht aggressiv. Einer sitzt auf dem Bordstein und hält eine halbvolle Wasserflasche zwischen den Knien. Eine junge Frau trägt silberne Stiefel, die im Morgenlicht wie Requisiten aus einem Science-Fiction-Film aussehen.
Ein anderer hat sich eine Jacke um die Schultern gelegt und blickt mit der erschöpften Würde eines Menschen auf die Straße, der gerade erst entdeckt, dass die Nacht nicht ewig dauert.
Vielleicht waren sie tanzen. Vielleicht haben sie sich verliebt, gestritten, versöhnt oder nur darauf gewartet, dass die Bahne wieder in ihre Richtung fahren. Ihr Lachen ist übrig geblieben. Es zieht über den Bürgersteig, verliert sich zwischen den parkenden Autos und mischt sich mit dem Zwitschern der Spatzen. Berlin kann an solchen Morgen so freundlich wirken. Nicht schön im klassischen Sinn. Dafür ist die Stadt zu grob, zu vollgestellt, zu widersprüchlich. Aber offen. Vorläufig.
Als gehöre sie für ein paar Stunden niemandem und deshalb allen.
Ich gehe langsam. Mein Sonntag hat die Richtungen Bäcker und Sportstudio. Es sind nur ein paar Schritte zum Bäcker, danach zum Sport. Mein Kiez. Mein Zuhause seit vielen Jahren. Nach dem Sport Zeitung lesen, Kaffee trinken. Die Stadt ist für einen Augenblick kein politisches Problem, keine Verwaltungsakte, keine Mietsteigerung, kein Kommentar unter einer Nachricht. Sie ist bloß Straße, Sonnenlicht, Stimmengewirr, ein leichter Wind.
Dann biege ich um die Ecke. Rechts und links der Straße sehe ich auf jeder Seite 5 Männer. Gleiches Aussehen, die gleichen Gegenstände, die sie mit sich tragen.
Im Näherkommen wird ihre Optik detailreicher.
Zehn Männer. Ausgerüstet wie Handwerker auf ihrem Weg zum Auftrag.
Nicht zehn Glatzköpfe in Springerstiefeln. Keine uniformierte Schlägertruppe, keine finstere Karikatur, die sich bequem auf Abstand halten ließe. Zehn Männer verschiedenen Alters, vielleicht der Jüngste Ende zwanzig, der Älteste um die siebzig. Jeans, Funktionsweste, T-Shirts, Turnschuhe. Einer trägt eine Kappe, einem anderen baumelt die Lesebrille kurz über dem Wohlstandsbauch. Einer könnte ein pensionierter Lehrer sein, ein jüngerer ein Freund von mir. Mhm, ähnelt der eine dem Heizungsbauer von neulich?
Dann noch einer, wie der freundliche Nachbar, der geduldig die Pakete für das ganze Haus annimmt. Männer, unauffällig, an denen der Blick normalerweise vorbeigehen würde.
Normalos, denkt man. Quasi.
Je Seite trägt einer eine hohe Anstellleiter. Die anderen haben Plakate mit vorbereiteten Kabelbindern unter den Armen. Ein anderer trägt eine Werkzeugtasche mit sich.
Es geht ganz schnell. Leiter an den Laternenmast liegen, zwei Männer halten ein Plakat hoch, der Dritte auf der Leiter befestigt es. Schön weit oben…Schon klar, weshalb.
Blau, weiß, rote Akzente. Das leider nur allzu vertraute Erscheinungsbild der AfD.
Der heiße Wahlkampf beginnt.
Es ist kein dramatischer Auftritt. Niemand ruft Parolen. Niemand bedroht mich.
Vielleicht beachten sie mich nicht einmal. Und dennoch verändert sich die Straße. Der friedliche Sonntagmorgen zieht sich zusammen wie eine Haut, die Kälte spürt.
Mich fröstelt es.
Aus der beiläufigen Szene wird eine Demonstration von Präsenz: Wir sind hier. Auch hier. Wir sind viele. Auch hier. Wir organisieren uns. Wir nehmen die Masten, die Kreuzungen, die Sichtachsen. Wir hängen unser Zeichen über euren Alltag.
Fünf Männer pro Straßenseite für ein Plakat. Laterne für Laterne.
Es geht so schnell. Und es sieht so normal aus.
Natürlich sind es mehrere Plakate. Natürlich ist es praktisch, in einer Gruppe loszuziehen. Und doch liegt in dieser Zahl der Männer etwas Einschüchterndes. 5 Männer, auf gleicher Höhe auf beiden Seiten der Straße. Zehn Männer, die gemeinsam durch den Kiez ziehen, Leitern tragen, Plakate verteilen und die Straßenmöbel mit politischen Botschaften versehen. Sie wirken nicht aufgeregt. Sie machen das routiniert. Einer reicht Kabelbinder, einer hält die Leiter, zwei betrachten das Ergebnis mit leicht zurückgelegtem Kopf.
Es ist Arbeitsteilung. Kameradschaft. Eine kleine, mobile Infrastruktur des Wahlkampfs.
Mich erfasst weiteres körperliches Unbehagen.
Bäh, denke ich. halte den Impuls zurück vor ihnen auszuspucken.
Ein kindisches Wort, fast lächerlich angesichts der politischen Lage. Aber manchmal ist der Körper schneller als die Analyse. Widerlich. Ekelhaft. Nicht die Männer als Menschen, sage ich mir. Ich kenne sie nicht. Ich weiß nichts über ihre Biografien, ihre Enttäuschungen, ihre Familien, ihre Gründe. Das Gefühl richtet sich gegen das, wofür sie hier gemeinsam Raum beanspruchen: gegen eine Politik, die aus Zugehörigkeit eine Grenzkontrolle macht; die Menschen nach Herkunft, Namen, Religion oder vermeintlicher Nützlichkeit sortiert; die Angst nicht beruhigt, sondern bewirtschaftet; die die demokratischen Institutionen für ihre Zwecke nutzt und zugleich das Vertrauen in sie zersetzt.
Doch Gefühle sind selten so sauber, wie man sie im Nachhinein gern hätte. In diesem Moment verschmilzt die Botschaft mit ihren Trägern. Die Männer und die Plakate bilden eine Einheit. Ihre Normalität macht die Szene nicht harmloser, sondern beunruhigender. Wären sie eine groteske Randgruppe, könnte man sie als Ausnahme behandeln. Aber sie sind keine Erscheinung vom Rand. Sie stehen mitten auf dem Bürgersteig. Sie lachen miteinander. Einer trinkt Kaffee aus einem Pappbecher. Ein anderer prüft mit dem Smartphone offenbar die nächste Adresse.
Das Verstörende ist nicht ihre Fremdheit.
Das Verstörende ist ihre Vertrautheit.
Vielleicht besteht eine der großen Selbsttäuschungen der vergangenen Jahre darin, den Rechtsextremismus immer dort gesucht zu haben, wo er leicht erkennbar scheint: in Bomberjacken, martialischen Aufmärschen, einschlägigen Symbolen, gebrüllten Parolen. Diese Bilder existieren. Aber der politische Erfolg der äußersten Rechten beginnt nicht erst beim Aufmarsch. Er beginnt dort, wo ihre Sprache in normale Gespräche einsickert. Wo aus einem Ressentiment eine vermeintlich vernünftige Frage wird. Wo Menschen sagen, man werde „ja wohl noch“ etwas aussprechen dürfen, das sie längst überall aussprechen. Wo aus Gerüchten Gewissheiten werden und aus Einzelfällen Weltbilder.
Er beginnt auch an einem Sommersonntagmorgen, mit Kabelbindern, Plakaten und Leitern.
Berlin ist eine Stadt, die sich gern für immun hält. Eine Stadt der Vielfalt, der Clubs, der queeren Lebensentwürfe, der Einwanderung, der Erinnerungskultur. Berlin erzählt sich selbst als Gegenmodell zur Enge. Als Ort, an dem Herkunft weniger zählt als die Fähigkeit, irgendwie weiterzumachen. Die Stadt ist stolz auf ihre Widersprüche und manchmal sogar auf ihr Chaos. Sie hält ihre Unfertigkeit für eine demokratische Tugend.
Doch Berlin ist nicht nur der Ring, nicht nur die dicht bewohnten Viertel mit internationalem Publikum, nicht nur Kultur, Wissenschaft und Nachtleben. Berlin ist auch Stadtrand, Einfamilienhaus, Abstiegsangst, überforderte Verwaltung, kaputte Infrastruktur und die Erfahrung, dass politische Versprechen in einer Warteschleife enden. Berlin ist der Termin beim Bürgeramt, auf den es sich zu warten lohnt. Die monatelange Suche nach einer Wohnung. Der Bus oder die Bahn, die regelmäßig ausfällt. Die Schule, deren Toiletten seit Jahren saniert werden sollen. Das Freibad, über das plötzlich das ganze Land diskutiert. Die Notaufnahme, in der das Personal erschöpft von Gewaltvorfällen mit Schnupfen ist. Die Frau mit kleiner Rente, die ihre Nebenkostenabrechnung dreimal liest. Der Familienvater, der nicht weiß, ob sein Einkommen im nächsten Jahr noch reicht.
Die AfD erfindet diese Probleme nicht. Ihr Erfolg beruht gerade darauf, dass vieles real ist. Sie sammelt tatsächliche Erfahrungen ein, löst sie aus ihren komplizierten Zusammenhängen und ordnet sie in eine einfache Erzählung ein. Überall, wo Politik langsam, widersprüchlich oder überfordert erscheint, bietet sie einen Schuldigen an. Migration statt Wohnungspolitik. Minderheiten statt Verteilungsfragen. Klimaschutz statt jahrelang verschleppter Infrastrukturpolitik. „Die da oben“ statt der oft mühsamen Frage, welche Behörde, welches Gesetz, welche Haushaltsentscheidung oder welcher Interessenkonflikt tatsächlich verantwortlich ist.
Das ist die Kraft des Ressentiments: Es verwandelt Komplexität in Richtung.
Plötzlich zeigt der Ärger auf jemanden.
Berlin bietet dafür reichlich Material. Die Stadt wächst, ohne dass ihre Institutionen mit derselben Geschwindigkeit wachsen. Sie will Weltmetropole und bezahlbarer Lebensort sein, Investitionsstandort und Schutzraum, klimafreundlich und autogerecht, kulturell radikal und finanziell solide, sicher und frei. Jede dieser Forderungen hat ein Publikum.
Jede kollidiert irgendwann mit einer anderen. Politik besteht in Berlin nicht darin, einen Widerspruch aufzulösen. Sie besteht meist darin, mehrere Widersprüche gleichzeitig zu verwalten und dabei den Eindruck zu vermeiden, alles werde schlechter.
Der beginnende Wahlkampf wird diese Widersprüche nicht kleiner machen. Im Gegenteil: Er wird sie zuspitzen, personalisieren und plakatfähig verkürzen. Aus Wohnungsnot wird ein Versprechen in sechs Wörtern. Aus Sicherheitsfragen wird ein Foto mit Polizeiweste. Aus Verkehrspolitik wird der symbolische Kampf um einen Parkplatz oder einen Poller. Aus der Krise der Verwaltung wird ein Slogan über Ordnung. Aus Migration wird entweder ein moralischer Appell oder eine Drohkulisse. Aus komplizierten Haushaltsentscheidungen wird die Behauptung, bei den „Falschen“ werde gespart.
Plakate sind die Kunst der politischen Reduktion. Sie müssen im Vorbeifahren funktionieren. Niemand hält an einem Laternenmast, um eine Fußnote zu lesen. Das Plakat braucht ein Gesicht, ein Verb, einen Gegner und ein Gefühl. Hoffnung, Wut, Sicherheit, Stolz. Je unübersichtlicher die Welt, desto größer die Schrift.
Auch die anderen Parteien werden bald ihre Trupps losschicken. Sie werden Leitern an dieselben Masten stellen, vielleicht einen halben Meter höher, wenn sie schneller waren, oder knapp darunter, wenn der Platz bereits besetzt ist. Dann hängen die Kandidierenden übereinander wie konkurrierende Heilige einer säkularen Prozession. Mehr Berlin. Berlin kann das. Für euch. Für morgen. Sicher. Sozial. Bezahlbar. Vernünftig. Entschlossen.
Der öffentliche Raum wird zur Litfaßsäule des politischen Begehrens.
Doch die AfD-Plakate lösen etwas anderes aus. Nicht nur, weil sie eine weitere Partei repräsentieren. Sondern weil hinter ihrer Normalisierung die Frage steht, was genau normal werden soll. Es geht nicht bloß um Steuersätze, Bauvorschriften oder Fahrspuren. Es geht um die Grenzen des demokratischen Wir. Darum, wer selbstverständlich dazugehört und wer seine Zugehörigkeit immer wieder beweisen muss. Darum, ob politische Konkurrenz noch auf der gemeinsamen Anerkennung von Menschenwürde, Rechtsstaat und pluralistischer Gesellschaft beruht – oder ob diese Grundlagen selbst zum Gegenstand taktischer Verschiebung werden.
Dabei wäre es zu bequem, alle Wählerinnen und Wähler der AfD in ein einziges moralisches Fach zu legen. Einige wählen sie aus gefestigter Überzeugung. Andere aus Protest, Wut, Enttäuschung oder dem Wunsch, den etablierten Parteien einen Denkzettel zu verpassen. Manche teilen radikale Positionen, andere blenden sie aus. Manche suchen nach Ordnung. Manche nach Rache. Manche genießen die Provokation. Manche fühlen sich tatsächlich nicht mehr gehört.
Nicht jede Erklärung ist eine Entschuldigung. Aber ohne Erklärung bleibt nur Abscheu. Und Abscheu allein gewinnt keine demokratische Auseinandersetzung.
Das ist das Unangenehme an der Begegnung mit den zehn Männern: Sie zwingt mich, meine eigene Reaktion zu prüfen. Mein Ekel ist ehrlich, aber politisch unzureichend.
Er markiert eine Grenze. Er sagt: Das will ich nicht in meinem Kiez. Doch der Kiez gehört nicht mir allein. Auch Menschen, deren politische Haltung ich ablehne, dürfen hier stehen, Plakate aufhängen, Wahlkampf machen. Das ist keine Schwäche der Demokratie, sondern eine ihrer Bedingungen – solange sie sich im Rahmen der Gesetze bewegen.
Die demokratische Zumutung besteht darin, den politischen Gegner nicht aus dem öffentlichen Raum wünschen zu können, ohne zugleich den eigenen Anspruch auf diesen Raum zu beschädigen.
Und trotzdem: Neutralität ist keine Pflicht. Demokratie bedeutet nicht, alles gleichgültig hinzunehmen. Sie verlangt Widerspruch. Sie erlaubt mir, die Botschaft auf dem Plakat gefährlich zu finden, die dahinterstehende Politik abzulehnen und ihre Folgen zu benennen. Sie erlaubt Protest, Gegenrede, Aufklärung, Satire und Organisierung. Sie verlangt sogar, genauer hinzusehen, wenn eine Partei demokratische Verfahren verwendet, um Vorstellungen zu verbreiten, die den demokratischen Pluralismus verengen.
Die Frage ist nur, welche Form dieser Widerspruch annimmt.
Wer auf Verachtung mit Verachtung antwortet, gerät in eine symmetrische Versuchung. Dann stehen sich nur noch Milieus gegenüber, die einander moralisch abschreiben. Die einen sprechen von „Volksverrätern“, die anderen pauschal von unrettbaren Idioten. Niemand hört zu, alle senden. Die politische Sprache verliert ihre beschreibende Funktion und wird zum Wurfgeschoss. Jede Seite sammelt Belege dafür, dass die andere nicht nur irrt, sondern verkommen ist.
Die AfD profitiert von dieser Eskalation. Sie präsentiert sich zugleich als Angreiferin und Opfer. Sie verschiebt Grenzen und klagt über Ausgrenzung. Sie provoziert Empörung und verwendet die Empörung anschließend als Beweis für die angebliche Intoleranz ihrer Gegner. Jede Beschimpfung kann in dieser Logik zum Werbematerial werden.
Aber daraus folgt nicht, dass man schweigen soll. Es folgt nur, dass demokratische Kritik präziser sein muss als der Zorn.
Präzision bedeutet, nicht jeden Konflikt als Kulturkampf zu behandeln. Die Wohnungsnot in Berlin ist keine Erfindung rechter Propaganda. Wer jahrelang Besichtigungstermine besucht, Unterlagen verschickt, Bürgschaften organisiert und trotzdem keine Wohnung findet, braucht keine Belehrung darüber, dass Berlin vielfältig ist. Er braucht eine Wohnung. Wer morgens nicht weiß, ob die Bahn fährt, interessiert sich irgendwann weniger für langfristige Leitbilder als für die Frage, warum der Alltag nicht funktioniert. Wer im Bürgeramt keinen Termin bekommt, erlebt den Staat nicht als abstrakte demokratische Errungenschaft, sondern als verschlossene Tür.
Eine Politik, die die AfD zurückdrängen will, muss mehr können, als vor ihr zu warnen. Sie muss den Beweis erbringen, dass demokratische Institutionen handlungsfähig sind. Nicht perfekt. Aber sichtbar, verlässlich und gerecht.
Das klingt banal und ist doch vielleicht die schwierigste Aufgabe dieses Wahlkampfs.
Berlin leidet nicht an einem Mangel politischer Ideen. Die Stadt leidet an der Lücke zwischen Ankündigung und Erfahrung. Es werden Wohnungen geplant, aber zu wenige gebaut. Schulen werden saniert, aber vielerorts bleibt der Verfall sichtbar. Verwaltungsmodernisierung wird versprochen, doch Bürgerinnen und Bürger schleppen weiterhin Papier von Amt zu Amt. Beim Verkehr wechseln Leitbilder, Zuständigkeiten und Prioritäten, während sich der Ärger auf allen Seiten festsetzt. Autofahrer fühlen sich schikaniert, Radfahrer gefährdet, Fußgänger übersehen und Fahrgäste im Stich gelassen.
In dieser Lage wird der Wunsch nach Einfachheit politisch mächtig. Einer soll entscheiden. Etwas soll endlich durchgesetzt werden. Schluss mit dem Gerede. Schluss mit Rücksicht, Verfahren, Beteiligung, Prüfung. Doch die Langsamkeit demokratischer Politik ist nicht immer bloß Versagen. Manchmal ist sie der Preis dafür, dass Interessen abgewogen, Rechte geschützt und Entscheidungen kontrolliert werden. Das Problem entsteht dort, wo Verfahren langsam sind, ohne gründlich zu sein; kompliziert, ohne gerecht zu wirken; teuer, ohne erkennbare Ergebnisse zu liefern.
Autoritäre Politik verspricht, diese Widersprüche mit Härte zu lösen. In Wahrheit löst sie sie häufig nur für jene, die stark genug sind, ihre Interessen durchzusetzen. Ordnung ist ein verführerisches Wort. Es verschweigt, wer ordnet, wen man einordnet und wer aus der Ordnung herausfällt.
Die Männer am Laternenmast wirken geordnet. Sie wissen, was zu tun ist. Ihre Plakate sind sortiert, die Kabelbinder griffbereit. Vielleicht besteht ein Teil ihrer Attraktivität genau darin: Sie treten als diejenigen auf, die nicht mehr diskutieren wollen. Die sagen, das Problem sei erkannt, der Schuldige benannt, die Lösung klar.
Die demokratischen Parteien wirken daneben oft wie eine zerstrittene Wohngemeinschaft, die seit Monaten darüber debattiert, wer den Müll herunterbringt. Ihre Sprache ist voller Einschränkungen. Einerseits, andererseits. Zuständigkeit. Finanzierungsvorbehalt. Bundesrecht. Koalitionskompromiss. Evaluierung. Das ist näher an der Wahrheit, aber weiter entfernt vom Gefühl politischer Kontrolle.
Der Wahlkampf wird deshalb auch ein Kampf um das Verhältnis von Wahrheit und Wirksamkeit. Kann man komplizierte Zusammenhänge erklären, ohne mutlos zu klingen? Kann man Unsicherheit zugeben, ohne Vertrauen zu verlieren? Kann man klare Entscheidungen treffen, ohne so zu tun, als gäbe es keine Nebenwirkungen? Kann eine demokratische Politik entschlossen sein, ohne autoritär zu werden?
Berlin wird darauf Antworten finden müssen.
Dabei ist die Stadt politisch längst nicht so eindeutig, wie ihre Selbsterzählung suggeriert. Zwischen den Bezirken liegen soziale und kulturelle Distanzen, die größer sein können als jene zwischen verschiedenen Regionen Deutschlands. In manchen Vierteln wird über steigende Mieten, Verdrängung und geschlossene Kulturorte gesprochen. In anderen über Einbrüche, fehlende Parkplätze, Migration oder das Gefühl, bei politischen Entscheidungen nie gemeint zu sein. Die Innenstadt diskutiert über autofreie Räume, der Stadtrand über Verbindungen, die abends nur selten fahren. Für die einen ist Verdichtung ein ökologisches Gebot, für die anderen der Verlust des letzten grünen Flecks.
Wer Berlin (demokratisch) regieren will, muss diese verschiedenen Städte gleichzeitig ansprechen. Nicht mit der Behauptung, alle Interessen ließen sich harmonisch verbinden, sondern mit einer Vorstellung davon, wie Konflikte fair entschieden werden können.
Fairness ist vielleicht das unterschätzte Wort dieses Wahlkampfs.
Menschen akzeptieren Belastungen eher, wenn sie glauben, dass Regeln für alle gelten. Sie akzeptieren Veränderungen eher, wenn sie deren Gründe verstehen und eine Aussicht auf Verbesserung erkennen. Sie akzeptieren politische Niederlagen eher, wenn sie sich als Teil des Verfahrens wahrnehmen. Wo jedoch der Eindruck entsteht, manche könnten sich freikaufen, andere würden übergangen und wieder andere grundsätzlich bevorzugt, wird aus Unzufriedenheit Verbitterung.
Die extreme Rechte lebt von dieser Verbitterung, aber sie heilt sie nicht. Sie gibt ihr eine Bühne.
Im Kiez hängen noch keine Plakate der anderen Parteien. Die AfD ist an diesem Morgen zuerst da. Vielleicht nur zufällig. Vielleicht strategisch. Der Effekt ist derselbe:
Sie setzt das erste sichtbare Zeichen des Wahlkampfs.
Von nun an ist der Laternenmast kein Laternenmast mehr. Er ist eine Behauptung.
Ich frage mich, wie viele Menschen später an diesem Plakat vorbeigehen werden.
Manche werden es kaum wahrnehmen. Manche werden nicken. Manche den Kopf schütteln. Jemand wird es fotografieren, jemand beschmieren, jemand vielleicht abreißen. Ein Kind wird fragen, wer der Mann oder die Frau auf dem Bild sei.
Ein älterer Bewohner wird sagen, früher habe es so etwas nicht gegeben, obwohl es vermutlich vieles davon sehr wohl gegeben hat, nur unter anderen Bedingungen.
Plakate verändern selten allein eine politische Überzeugung. Aber sie erzeugen Atmosphäre. Sie machen Parteien sichtbar, wiederholbar, selbstverständlich. Sie teilen mit: Diese Position existiert hier. Andere denken so. Du bist nicht allein.
Genau deshalb ist die Normalität der zehn Männer bedeutsam. Demokratie besteht nicht nur aus Wahltagen, Parlamenten und Fernsehduellen. Sie besteht aus solchen Vormittagen. Aus Menschen, die bereit sind, ihre Freizeit für eine Partei einzusetzen. Aus Gesprächen an Infoständen, aus Haustürbesuchen, Sitzungen, Flugblättern und Plakaten. Politische Macht beginnt oft unspektakulär: jemand trägt die Leiter, jemand kennt die Route, jemand bringt Kaffee mit.
Wer sich über den Erfolg der AfD erschreckt, sollte deshalb nicht nur auf ihre Spitzenkandidaten schauen. Er sollte auf ihre lokale Verankerung schauen. Auf jene, die bereit sind, früh aufzustehen, Material zu lagern, Listen zu führen und Straßen systematisch abzulaufen. Empörung ist spontan. Organisation ist dauerhaft.
Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft dieses Morgens: Die da sind organisiert.
Und wir?
Das „Wir“ ist heikel. Wer gehört dazu? Die demokratischen Parteien? Die Zivilgesellschaft? Die Nachbarschaft? Alle, die keine AfD wählen? Ein solches negatives Bündnis bleibt zerbrechlich. Es weiß, wogegen es ist, aber nicht automatisch, wofür. Zudem kann auch die Selbstbeschreibung als „die Demokraten“ selbstgerecht werden, wenn sie jede Kritik an der bestehenden Politik als Angriff auf die Demokratie missversteht.
Demokratie ist nicht identisch mit den Parteien, die gerade regieren. Man darf ihre Entscheidungen hart kritisieren. Man darf sie abwählen. Man darf wütend sein. Das demokratische Lager gewinnt nichts, wenn es berechtigte Unzufriedenheit moralisch disqualifiziert.
Es braucht deshalb ein anderes Wir. Eines, das nicht auf Gleichheit der Lebensstile oder politischen Meinungen beruht, sondern auf gemeinsamen Regeln. Ein Wir, das Streit aushält, ohne Menschen ihre Zugehörigkeit abzusprechen. Ein Wir, das Sicherheit nicht gegen Freiheit, soziale Gerechtigkeit nicht gegen Migration und Klimaschutz nicht gegen Alltagstauglichkeit ausspielt. Das klingt nach Sonntagsrede. Entscheidend wird sein, ob es sich montagmorgens in der Verwaltung, im Wohnungsbau, im Klassenzimmer und an der Haltestelle beweist.
Der positive Gegenentwurf zur AfD ist kein freundlicheres Plakat. Er ist eine Stadt, die funktioniert, ohne kalt zu werden.
Eine Stadt, in der eine Behörde erreichbar ist und ein Mensch mit ausländischem Namen nicht länger auf eine Wohnungsbesichtigung warten muss als sein Mitbewerber. Eine Stadt, in der Regeln durchgesetzt werden, ohne ganze Gruppen unter Generalverdacht zu stellen. Eine Stadt, die öffentliche Räume schützt, ohne sie in Kontrollzonen der Angst zu verwandeln. Eine Stadt, die neue Wohnungen baut und zugleich verhindert, dass die bisherigen Bewohner verdrängt werden. Eine Stadt, die Klimaschutz nicht nur an Verboten, sondern an besseren Alternativen erkennbar macht.
Ein solcher Anspruch ist größer als jeder Wahlkampf. Aber Wahlkämpfe zeigen, welche Richtung eine Stadt einschlagen will.
Die Berliner Parteien werden versucht sein, sich an der AfD abzuarbeiten. Jede provokante Äußerung verspricht Aufmerksamkeit. Jede Abgrenzung lässt sich in sozialen Medien verbreiten. Doch eine politische Debatte, deren Mittelpunkt ständig die AfD bildet, hilft am Ende auch der AfD. Sie darf nicht ignoriert werden. Aber sie sollte nicht die Macht erhalten, die Themen, Begriffe und emotionalen Tonlagen der gesamten Auseinandersetzung zu bestimmen.
Wer immer nur auf ihre Fragen antwortet, hat den eigenen politischen Kompass bereits aus der Hand gegeben.
Es braucht eigene Fragen: Wie kann Berlin wieder eine Stadt werden, in der Menschen mit normalen Einkommen eine Zukunft planen können? Wie lässt sich die Verwaltung so umbauen, dass sie nicht nur digitaler, sondern zugänglicher wird? Wie können Schulen Orte sein, an denen soziale Herkunft weniger über Lebenschancen entscheidet? Wie wird Sicherheit hergestellt, ohne Freiheit und Vielfalt zu beschädigen? Wie kann Migration gestaltet werden, ohne Humanität gegen Steuerungsfähigkeit auszuspielen? Wie verteilt man die Kosten ökologischer Transformation, ohne jene zu überfordern, die wenig Spielraum haben?
Keine dieser Fragen lässt sich mit Ekel beantworten.
Das merke ich, während ich an den Männern vorbeigehe. Mein erster Impuls war, die Straßenseite zu wechseln. Da wären aber auch schon die anderen. Besser stehenbleiben? Abbiegen? Nicht aus konkreter Furcht. Eher aus dem Wunsch, Distanz herzustellen. Ich will nicht nahe an ihnen vorbei.
Ich will nicht, dass sie an mir vorbeigehen. Scherzend, lachend, selbstbewusst, siegesgewiss. Ich möchte die Szene aus meinem Sonntag entfernen.
Doch ich bleibe auf derselben Seite. Gehe weiter.
Es ist keine Heldentat. Niemand bemerkt sie. Ein Mann von ihnen tritt einen Schritt zur Seite, damit ich sicher an der Leiter vorbeikomme. Für einen Moment treffen sich unsere Blicke. Er nickt knapp. Ich nicke nicht zurück.
Später ärgere ich mich darüber, dann ärgere ich mich über meinen Ärger.
Hätte ich grüßen, besser etwas sagen sollen? Wäre Höflichkeit eine Form demokratischer Souveränität gewesen? Oder hätte sich das wie eine Verharmlosung angefühlt? Hätte ich fragen sollen, warum sie diese Partei unterstützen? Fünf, perspektivisch zehn gegen einen ist keine gute Ausgangslage für politische Neugier.
Außerdem schuldet niemand einer Plakatiertruppe am Sonntagmorgen ein Streitgespräch. Oder doch?
Vielleicht besteht die Ehrlichkeit darin, das Unaufgelöste stehen zu lassen.
Ich finde ihre politische Mission abstoßend. Zugleich sind sie Bürger dieser Stadt. Sie dürfen dort sein. Ich darf mich unwohl fühlen. Das Unwohlsein ist kein Argument, aber ein Signal. Es zeigt, dass der Wahlkampf nicht abstrakt bleiben wird. Er kommt in den Kiez. Er hängt nun vielerorts bedrohlich über dem Weg zum Bäcker und zum Sport.
Liebgewonnene Wege. Er tritt in die vertraute Umgebung und verändert deren Temperatur.
Heimat, denke ich, ist vielleicht nichts anderes als die Erwartung, sich in einer Umgebung nicht rechtfertigen zu müssen. Für viele Menschen in Berlin ist diese Erwartung längst brüchig. Für Jüdinnen und Juden, die abwägen, ob sie sichtbare religiöse Zeichen tragen. Für Musliminnen, die angefeindet werden. Für queere Menschen, die auf bestimmten Straßen vorsichtiger werden. Für Menschen asiatischer Herkunft, die während der Pandemie beschimpft wurden. Für people of color – Berlinerinnen und Berliner, die erleben, dass Blicke, Kontrollen oder Zuschreibungen nicht gleich verteilt sind.
Mein Unwohlsein angesichts eines Plakats ist damit nicht gleichzusetzen.
Aber es gibt mir eine entfernte Ahnung davon, was es heißt, wenn der öffentliche Raum seine Selbstverständlichkeit verliert.
Die AfD spricht gern von Heimat. Doch ihre Vorstellung von Heimat funktioniert häufig durch Aussortierung. Sie behauptet ein kulturell eindeutiges Zuhause, das es in Berlin nie gegeben hat. Selbst die vermeintlich alten Berliner Traditionen sind Ergebnisse von Zuwanderung, Mischung, Konflikt und Veränderung. Hugenotten, Schlesier, Ostpreußen, sogenannte Gastarbeiter, Vertragsarbeiter, Geflüchtete, Studierende, Künstlerinnen, Arbeiter, Diplomaten, Glückssucher und Gestrandete haben diese Stadt geprägt. Berlin war nie harmonisch. Aber es war immer zusammengesetzt.
Die Frage lautet nicht, ob sich die Stadt verändert. Sie lautet, wie sie Veränderungen politisch gestaltet.
Wer jede Veränderung als Verlust deutet, wird zwangsläufig eine Vergangenheit erfinden, in der alles geordnet war. Wer jede Sorge über Veränderung als rückständig abtut, treibt Menschen in die Arme jener, die einfache Gewissheiten anbieten. Demokratische Politik muss beides vermeiden: die romantische Verklärung der Vergangenheit und die arrogante Verklärung der Gegenwart.
Berlin ist weder gescheitert noch vollendet.
Es ist eine Stadt mit enormen Möglichkeiten und ebenso enormer Ermüdung. Man spürt die Ermüdung in Gesprächen über Mieten, Behörden und Baustellen. Man spürt sie bei Beschäftigten im öffentlichen Dienst, die seit Jahren den Mangel verwalten. Man spürt sie bei Ehrenamtlichen, die Aufgaben übernehmen, für die die Institutionen zuständig sein müssten. Man spürt sie bei Menschen, die jede neue politische Initiative zuerst darauf prüfen, ob sie diesmal tatsächlich umgesetzt wird.
Diese Ermüdung ist demokratisch gefährlich. Nicht, weil erschöpfte Menschen automatisch extrem wählen. Sondern weil Demokratie Aufmerksamkeit braucht. Sie braucht die Bereitschaft, Unterschiede wahrzunehmen, Argumente zu prüfen und Widersprüche auszuhalten. Erschöpfung sucht Abkürzungen. Sie macht empfänglich für die Behauptung, alles sei ohnehin korrupt, gesteuert oder verloren.
Die Antwort darauf kann nicht dauernde Mobilisierung sein. Niemand kann jeden Tag die Demokratie retten. Menschen wollen leben, arbeiten, feiern, Kinder versorgen, Freunde treffen und sonntags zum Bäcker und zum Sport gehen. Eine stabile Demokratie zeichnet sich gerade dadurch aus, dass sie nicht ständig heroischen Einsatz verlangt.
Sie braucht jedoch Momente der Beteiligung. Vielleicht liegt darin der kritisch positive Ausblick dieses Morgens.
Die zehn Männer zeigen, was politische Beteiligung praktisch bedeutet. Ihre Ziele lehne ich ab, aber ihre Organisation ist real. Wer eine andere Stadt will, kann sich nicht darauf beschränken, ihre Plakate hässlich zu finden. Er muss selbst sichtbar werden. Nicht unbedingt mit der Mitgliedschaft in einer politischen Partei. Vielleicht in einer Mieterinitiative, einem Sportverein, einem Elternbeirat, einer Nachbarschaftshilfe, einer Gewerkschaft, einem Kulturprojekt oder einem Bündnis gegen Rassismus.
Vielleicht auch einfach in Gesprächen im Supermarkt, die nicht beim ersten Widerspruch abgebrochen werden.
Demokratische Kultur entsteht nicht nur in großen Reden. Sie entsteht, wenn jemand einer rassistischen Bemerkung widerspricht, ohne den ganzen Raum in ein Tribunal zu verwandeln. Wenn ein Bezirk eine Versammlung so organisiert, dass nicht nur die Lautesten zu Wort kommen. Wenn Jugendliche erfahren, dass ihre Beteiligung Folgen hat. Wenn Politik Fehler zugibt und korrigiert.
Wenn Medien Konflikte erklären, statt sie nur weiter quotengierig inszenieren.
Wenn Menschen einander nicht sofort auf die schlimmste mögliche Interpretation festlegen.
Das ist unspektakulär. Genau deshalb ist es wichtig.
Auf meinem Rückweg sind die Straßen voller. Kinder fahren mit Fahrrädern über den Gehweg. Vor dem Café stehen Menschen Schlange. Die jungen Feiernden sind verschwunden; nur einige Flaschen erinnern an sie. Die Stadt nimmt ihren normalen Rhythmus auf. Lieferdienste, Hunde, Gespräche, Sirenen, Musik aus offenen Fenstern.
Die neuen Plakate hängen nun an mehreren Laternen. Sie gehören zum Straßenbild, obwohl sie erst seit einer Stunde dort sind. Das Auge gewöhnt sich schnell. Vielleicht ist Gewöhnung die größte politische Gefahr und zugleich eine menschliche Notwendigkeit. Wir können nicht auf jedes Zeichen mit derselben Intensität reagieren. Der Alltag legt sich über die Empörung.
„Bildung statt Ideologie“ steht da nun überall zu lesen. Worte wie realsatirischer Hohn. Mein Unwohlsein wechselt zu Übelkeit. Ich denke an die Bücher in meinem Schrank. Brennbar, Fahrenheit 451.
Doch Gewöhnung muss nicht Zustimmung bedeuten.
Man kann ein Plakat jeden Tag sehen und ihm weiterhin widersprechen. Man kann anerkennen, dass eine Partei gewählt wird, ohne ihre Vorstellungen zu normalisieren.
Man kann den Menschen hinter einer politischen Entscheidung zuhören, ohne ihre Entscheidung zu billigen. Man kann hart in der Sache und zurückhaltend in der Verachtung sein.
Das klingt weniger befriedigend als ein klares „Bäh“. Aber vielleicht beginnt politische Reife dort, wo das Gefühl nicht geleugnet, sondern in Verantwortung übersetzt wird.
Mein Kiez gehört nicht einer Partei. Er gehört auch nicht nur denen, die schon lange hier wohnen, oder denen, die sich für besonders urban und aufgeklärt halten. Er gehört den Kindern auf dem Spielplatz, den Rentnern auf der Bank, den Ladenbesitzern, den Pflegerinnen nach der Nachtschicht, den Studierenden, den Geflüchteten, den Menschen ohne Wohnung und sogar jenen Männern mit ihrer Leiter. Öffentlicher Raum ist nicht das Wohnzimmer einer politischen Mehrheit. Er ist der Ort, an dem Verschiedene einander aushalten müssen.
Aushalten heißt nicht hinnehmen.
Der kommende Wahlkampf wird zeigen, ob Berlin imstande ist, zwischen diesen beiden Begriffen zu unterscheiden. Ob die Stadt Konflikte austrägt, ohne sich in feindliche Lager zu zerlegen. Ob sie Probleme benennt, ohne Menschen zu Sündenböcken zu machen. Ob sie Sicherheit verspricht, ohne Angst zum Geschäftsmodell zu erheben. Ob sie Vielfalt verteidigt, ohne soziale Härten schönzureden. Ob sie der extremen Rechten widerspricht und zugleich jene politischen Versäumnisse korrigiert, von denen diese profitiert.
Ein positiver Ausblick kann heute kein beruhigendes Happy End sein. Dafür ist die Lage zu ernst und die Entwicklung zu offen. Hoffnung, die ihre Gründe nicht nennt, ist nur Dekoration.
Aber es gibt Gründe.
Berlin hat Krisen überstanden, die tiefer gingen als ein aggressiver Wahlkampf. Die Stadt verfügt über eine dichte Zivilgesellschaft, engagierte Nachbarschaften, kritische Medien, starke kulturelle Institutionen und unzählige Menschen, die sich dem Hass entgegenstellen, ohne daraus eine Identität zu machen. In Schulen, Vereinen, Betrieben und Initiativen wird täglich etwas zusammengehalten, das in politischen Debatten längst zerfallen scheint.
Auch die jungen Menschen vor dem Spätkauf gehören zu diesem Bild. Ihr Lachen am Morgen ist keine politische Erklärung. Und doch verkörpert es etwas, das autoritäre Bewegungen nie vollständig kontrollieren können: die Freiheit, anders zu leben, als es eine starre Vorstellung von Normalität verlangt. Die silbernen Stiefel, die verschmierten Gesichter, die Müdigkeit nach einer langen Nacht – all das ist banal und zugleich ein Zeichen urbaner Offenheit.
Vielleicht verteidigt sich eine freie Stadt nicht nur in Parlamenten und Demonstrationen. Vielleicht verteidigt sie sich auch dadurch, dass Menschen verschieden bleiben dürfen.
Kurz vor „meiner Ecke“, stereotypisch – ein einsamer Plakatierer für Bündnis90/Die Grünen. Sichtbar traurig hängt er „Die Häuser denen, die drin wohnen“ unter das blaue Bildungsnarrativ. Ich lächle ihn an, grüße ihn und wünsche ihm Erfolg. Beide Plakate nun vereint oben am Mast, außerhalb der direkten Reichweite, beide sauber befestigt.
Der Morgen ist noch immer hell. Ein Bus hält, Türen öffnen sich, Menschen steigen aus. Niemand bleibt stehen.
Ich schaue noch einmal hin.
Das Unwohlsein ist nicht verschwunden. Vielleicht soll es das auch nicht. Es erinnert daran, dass Demokratie kein Naturzustand ist. Dass ein offener Kiez nicht allein deshalb offen bleibt, weil seine Bewohner sich dafür halten. Dass politische Räume besetzt werden, wenn andere sie leer lassen.
Aber neben dem Ekel ist nun ein zweiter Gedanke getreten.
Zehn Männer können Plakate aufhängen.
Eine Stadt besteht aus Millionen anderen Möglichkeiten.
Jorge Raul Oso, August 2026
